Im Regierungsprogramm ist der „Ausbau von Digitalisierung und Telemedizin“ verankert. Wie könnte im Bereich Diabetesmanagement solch eine Lösung aussehen, um die steigende Anzahl an ÖsterreicherInnen mit Diabetes ohne Qualitätseinbußen bei der Betreuung bewältigen zu können, aber gleichzeitig einen Anstieg der Kosten für das Gesundheitssystem zu vermeiden?

Hartinger: Studien zeigen, dass die Qualität von Behandlungsprozessen durch die Einbindung von Telemedizin gesteigert werden kann und dieser Effekt im Besonderen jenen PatientInnen zugute kommt, die wir derzeit nicht so gut erreichen. Das können Personen sein, die etwa aufgrund längerer Anreise aus entlegenen Gebieten einen Arzt nur schwer erreichen können, oder aber auch Personen, denen es aus beruflichen und/oder privaten Umständen nicht immer leicht fällt, eine strukturierte Betreuung in Anspruch zu nehmen. Diesem Nutzen stehen vergleichsweise geringe Kosten gegenüber, insbesondere, wenn die Telemedizin auf bestehenden und verfügbaren Technologien (wie etwa die Koppelung über Smartphone oder die Integration der ärztlichen Anwendung in die bestehende Arztsoftware) aufbaut. Durch telemedizinisch unterstützte Behandlungsepisoden können wir also eine Win-win-Situation schaffen.

Kautzky: Die zunehmende Digitalisierung wird auf jeden Fall unser Gesundheitssystem in der Zukunft verändern. Gerade bei einer Volkskrankheit wie Diabetes mellitus Typ 2 sind neue Konzepte notwendig, um die steigenden Zahlen der Betroffenen flächendeckend und trotz drohendem Mangel an AllgemeinmedizinerInnen in der Zukunft zu gewährleisten. Besonders in ländlichen Regionen wird auch eine Versorgung mittels Telemedizin wichtig sein. Aber auch Spitalsambulanzen in Ballungszentren könnten möglicherweise durch gute Telemedizin-Konzepte entlastet werden.

Die Anzahl der Personen die Smartphones regelmäßig nutzen, steigt kontinuierlich. Welchen Stellenwert haben Ihrer Meinung nach Apps in der Therapie von Diabetes heute und welchen Platz könnten Sie in der Zukunft einnehmen?

Hartinger: Bei den Apps bzw. Anwendungen via Smartphone muss man zwischen jenen unterscheiden, die unmittelbar in den Behandlungsprozess eingebunden werden und jenen, die PatientInnen (oder auch die Bevölkerung) unabhängig vom konkreten Behandlungskontext unterstützen sollen, besser mit der Krankheit umzugehen oder auch einen gesundheitsfördernden Lebensstil umzusetzen. Beide Anwendungen haben hierbei ihre Berechtigung und Legitimation, wobei klar ist, dass gerade erstere entsprechend strenge Kriterien zu erfüllen haben, wie etwa auch durch die Kommunikationsstandards zu Telegesundheitsdiensten normiert. Im Bereich der vom unmittelbaren Behandlungsprozess unabhängig eingesetzten, sogenannten „Gesundheits- und Medizin-Apps“ wurden etwa beim Diabetesmonitoring gute Erfolge durch Gamification erzielt – also durch Anreize, etwa ein besonderes Ergebnis im Sinne einer möglichst hohen Compliance zu erzielen.

Kautzky: Allerdings müssen Apps auch sehr einfach in der Handhabung und benutzerfreundlich sein, sonst werden sie nicht genützt. Ideal wären von Fachgesellschaften „zertifizierte Diabetes-Apps“, damit PatientInnen sich darauf verlassen können, dass sie sowohl für sie selbst als auch die Behandelnden vernünftig sind und einen Mehrwert darstellen.

Was muss eine App aus Ihrer Sicht können, um Menschen mit Diabetes einen echten Mehrwert zu bringen?

Hartinger: Anwenderfreundlichkeit, leichte Handhabung, Sicherheit, Verlässlichkeit, Stabilität des Systems, standardisierte Lösungen, leistbar für das System und den Einzelnen, unterstützende Wirkung, Interaktivität muss gewährleistet sein, etc. Durch Telemedizin gestützte Behandlungsprozesse erhöhen in der Regel die Therapie-Compliance und motivieren mitunter mehr PatientInnen zur Teilnahme an strukturierten Programmen. Unabhängige Gesundheits- und Medizin-Apps führen zu einem bewussteren Umgang mit der Erkrankung und geben durch Gamification Anreize, ein möglichstes gutes Diabetesmanagement umzusetzen. Und letztlich kann auch der strukturierte Austausch mit Betroffenen einen maßgeblichen Beitrag leisten.

Wie viele Studien zeigen, ist das Potenzial der Therapie durch Lebensstilveränderungen knapp vor und knapp nach der Diagnose von Typ-2-Diabetes am effektivsten. Erachten Sie eine Veränderung des Gesundheitssystems hin zu Präventivmaßnahmen für sinnvoll und wenn ja, welche Rolle können hier digitale Lösungen spielen?

Hartinger: Digitale Lösungen können Personen bei der Lebensstilumstellung unterstützen, indem etwa aktiv die Veränderungen und Erfolge dokumentiert werden und auch sozial geteilt werden oder etwa auch aktive Erinnerungen übermittelt werden können. Eine große Möglichkeit sehe ich bei Integration bzw. strukturierter Einbindung solcher Lösungen zur nachhaltigen Festigung der Lebensstiländerung – also etwa durch weiterführende Unterstützung der PatientInnen, nachdem Sie die stationäre Diabetikerschulung beendet haben und es nun etwa darum geht, die neuen Erkenntnisse in puncto Ernährung oder Bewegung in die Tat umzusetzen.

Kautzky: Lebensstilveränderungen sind nicht nur zu Beginn der Erkrankung effektiv, sondern können oft sogar noch nach Jahren medikamentöser Therapien zu deutlicher Gewichtsreduktion und einer Senkung der Blutzuckerspiegel in den Normbereich beitragen! Außerdem sollte ein gesunder Lebensstil auch die medikamentöse Therapie lebenslang begleiten. Aber sicherlich wäre durch eine gesunde Ernährung, Kalorienreduktion und ausreichend Bewegung der Erkrankung überhaupt vorzubeugen, der beste Weg. Es spielen jedoch nicht nur das Verhalten der Einzelnen, sondern auch psychosoziale und Umweltfaktoren eine große Rolle. Hier sind die Gesellschaft und Politik gefordert, auch entsprechende Rahmenbedingungen für ein gesundes Leben zu schaffen.