Burnout ist eines jener Fachwörter, das man nicht zu erklären braucht. Selbstredend beschreibt es den schleichenden Verlust von Energie und innerem Antrieb, das Schwinden der emotionalen Ressourcen und das erdrückende Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Wenn das Burnout einen „Zustand der totalen psychischen Erschöpfung“ meint, wird damit in einer überschleunigten Nonstop-Gesellschaft der Nerv getroffen. Burnout steht aber auch für ein geändertes Gesundheits- und Krankheitsverständnis, nach welchem psychische Störungen immer wichtiger werden. Pest und Cholera sterben aus, Angst und Depressionen nehmen zu. Die modernen Seuchen heißen Sucht und Burnout.

Enttabuisierung

Und endlich darf man darüber sprechen. Während psychische Probleme früher verdrängt und verschwiegen wurden, ist es heute kaum mehr peinlich, über Stress oder Schlafstörungen zu berichten. Zwar noch nicht mit jenem Selbstverständnis wie über Bluthochdruck oder Bandscheibenleiden, aber immerhin ohne moralisierenden Unterton. Der schicke, englischsprachige Ausdruck „Burnout“ hat wesentlich zur Enttabuisierung psychischer Leiden beigetragen. Burnout hat den seelischen Problemen einen Namen gegeben und sie gleichsam salonfähig gemacht.

Darin liegt eine große Chance: Verdrängtes zur Sprache zu bringen, Verschattetes durch Worte zu erhellen und über Unsägliches zu reden, sind der erste Schritt zur Heilung.

Wenn ein Ausdruck derart treffend ist wie der Markenbegriff Burnout, besteht die Gefahr der inflationären Verwendung. Alles und jedes wird damit bezeichnet. Beschwerden, die damit nichts zu tun haben, viel leichtere und viel schwererer psychische Störungen, werden als Burnout etikettiert. Nullbock, Tachiniererei oder Lustlosigkeit heißen in der Chiller-Sprache heute „Burnout“.

„Nur was einmal geflackert hat, kann auch ausbrennen – nur wer einmal begeistert war, kann Burnout bekommen.“

Umgekehrt werden schwere Krisen, ja sogar Geisteskrankheiten, als Burnout verniedlicht. Bei dieser Schön- und Schlechtrederei darf man nie vergessen, dass das „richtige“ Burnout, das Syndrom der leeren Batterien und nicht mehr aufladbaren Akkus im wahrsten Sinn des Wortes, zu den bedrückendsten Krankheiten überhaupt gehört. Und es trifft die Besten, die Eifrigsten und Engagiertesten, jene, die allen Grund zum Ausgebranntsein haben.

Erstmals wurde der Burnoutzustand 1974 vom deutsch-amerikanischen Analytiker Richard Freudenberg - übrigens nach Selbstbeobachtung - beschrieben. Graham Green hat den Begriff mit dem Aussteigerroman „A burnout case“ berühmt gemacht. Paradoxerweise ist Burnout in den Diagnosekatalogen der WHO, die sonst jeden Huster ettiketieren, wegen angeblicher Schwammigkeit gar nicht enthalten.

Professionelle Hilfe

Burnout ist heilbar. Wie man sich von körperlicher Übermüdung erholen kann, lässt sich auch die seelische Erschöpfung beheben. Oft benötigt man dazu professionelle Hilfe durch Psychotherapeuten, die man ebenso selbstverständlich aufsuchen sollte wie Internisten oder Gynäkologen. Medizin und Psychologie bieten heute großartige Hilfen bei Angst, Schlafstörungen und Ausgebranntsein.

Wir können dem Burnout in vielen Fällen ohne große Präventionsprogramme vorbeugen, jeder für sich. Es geht um Entschleunigung und Leben nach dem Biorhythmus, um regelmäßige Breaks und Erholungsphasen, die diesen Namen verdienen, um Achtsamkeit auch für die Psyche, um Hineinhorchen in das weite Land der Seele. Wir müssen lernen loszulassen, nein zu sagen und uns zu entziehen, auch aus den großen Netzen.

Gerade weil Erschöpfungszustände in unserer ausgepowerten Gesellschaft immer wichtiger werden und die Depression, zu welcher das Burnout gehört, bald die häufigste Krankheit überhaupt sein wird, empfiehlt sich ein sorgfältiger Umgang mit dem Phänomen Burnout. Wir dürfen es nicht bagatellisieren, entwerten oder lächerlich machen. Dazu ist das (echte) Burnout viel zu gewichtig.