Frau Händler, wie haben Sie gemerkt, dass Sie unter einer Depression leiden – oder anders gefragt: Wie fühlt sich eine Depression an?

Es war Sommer, schönes Wetter, ich saß daheim, habe kein Telefonat entgegengenommen, alles war schrecklich für mich. Ich konnte nicht unter Menschen gehen, hatte permanent nur Angst. Ein befreundeter psychiatrischer Krankenpfleger hat mich dann letztlich überredet, zum Facharzt, zum Psychiater zu gehen. Dagegen wehrte ich mich anfangs sehr, aber hätte ich es dann nicht doch getan, allein wäre ich niemals aus der Situation herausgekommen. Man kann es unmöglich von allein schaffen, eine echte Depression zu überwinden.

Welche Ängste waren das, wie verhält man sich damit?

Existenzängste, die nicht erklärbar und nicht logisch sind, oder Angst, dass alle Menschen rund um mich wegsterben und ich das jetzt bis zu meinem Lebensende ertragen muss. Man will nicht mehr leben, alles ist sinnlos und man weiß nicht, wie man dagegen angehen kann. Ich
starrte stundenlang in den Fernseher ohne zu sehen was ich da eigentlich sah.

Wie lange hat es gedauert?

Natürlich geht es nicht von heute auf morgen. So schleichend wie sich eine Depression in ein Leben hineinschleicht, so schleichend geht sie wieder, wenn man sie richtig behandelt. Wobei das natürlich auch nicht bei jedem Menschen gleich verläuft, das muss dann der Fachmann beurteilen. Nach zwei, drei Monaten der Einstellungs- oder Umstellungsphase war die Welt dann wieder irgendwie geradegerückt. Danach wollte ich aufhören mit den Medikamenten, das ging dann ein paar Jahre gut. Dann kam die zweite Depression.

Freilich verläuft es bei jedem Menschen anders, aber glauben Sie, dass es einen Auslöser oder Grund für eine Depression gibt? Gab es Unterschiede vom ersten zum zweiten Mal?

Ich glaube, das ist in jeden Fall anders. Es gibt Auslöser wie Tod oder Scheidung, aber bei einer echten Depression gibt es oft auch gar keinen Auslöser. Bei mir gab es 2004 etwa keinen Grund. Es war einfach da. Da funktionieren einfach die Botenstoffe im Hirn nicht so gut – Serotonin und Noradrenalin... es ist eine Krankheit, die der Fachmann erkennen und zu der man dann stehen muss.

Was tut man im Ernstfall einer psychischen Erkrankung?

Der Hausarzt ist hier definitiv nicht der richtige Ansprechpartner. Es gibt gewisse „Standard-Pulverln“, Antidepressiva, die in „solchen Fällen“ automatisch verschrieben werden, aber es ist unbedingt anzuraten, zum Facharzt zu gehen und sich nicht zu genieren. Ein guter Psychiater stellt die richtigen Fragen und beurteilt jeden Menschen und seine Symptome individuell. Stress wird etwa ganz anders behandelt als Antriebslosigkeit. Viele Wohlmeinende sagen dann immer wieder: „Um Gottes willen, setz´ die Tabletten ab, du wirst ja abhängig!“ Aber warum soll man etwas absetzen, das einem hilft? Das tut der Diabetiker auch nicht. Und zum Glück macht die Pharma-Industrie auch große Fortschritte und entwickelt sich ständig weiter: Das Medikament, das ich jetzt nehme, ist beispielsweise ganz anders als das vor acht Jahren.
Schön wäre, wenn auch Manager an die Öffentlichkeit gehen würden mit dieser Krankheit, damit die Menschen sehen können, dass auch in der so genannten „Leistungsgesellschaft“ Depressionen sehr real existieren. Nicht nur Künstler und Kreative leiden darunter, es kann jeden treffen. Und wenn die Seele krank ist, dann braucht sie Hilfe! Ebenso wie der Körper.