Boris Nikolai Konrad
Gedächtnistrainer, Neurowissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, Guinness-Weltrekordhalter in der Kategorie Geburtsdaten merken
Foto: Doris Wild

„Wissen ist die einzige Ressource, die sich bei Gebrauch vermehrt.“, sagt der Gedächtnistrainer Boris Nikolai Konrad. Aber nicht nur Wissen, sondern auch unser Erinnerungsvermögen kann mit gezieltem Training verbessert und vermehrt werden. Mithilfe von Bildern werden Inhalte visualisiert und in unsere geistige Bibliothek aufgenommen. Auch die Forschung nimmt sich der Spurensuche nach dem Wesen des Denkens und Speicherns im Gehirn an. Maschinen sollen einen Einblick in die Materie gewähren.

Das Geheimnis der grauen Masse
„Das Gehirn ist äußerst komplex. Anders als im Computer ist im Gehirn keine Region allein für die Erinnerung auszumachen.“, meint der Gedächtnistrainer. „In den Neurowissenschaften wird es daher mit ganz unterschiedlichen Methoden untersucht. Von der Arbeit der Nervenzellen über den Vergleich verschiedener Gehirnbereiche.“ Den Mythos, dass wir nur zehn Prozent unserer grauen Masse benutzen, verneint er. „Wissenschaftlich gesehen ist die Behauptung Unfug. Natürlich verwenden wir alle Bereiche unseres Gehirns, nur nicht gleichzeitig. Was richtig ist, ist dass wir unser Potenzial häufig nicht ausnutzen.“ Um dem entgegenzusteuern, kann das Gehirn trainiert und dessen Potenzial vermehrt werden.

Skurrile und abstruse Bilder
„Es gibt verschiedene Gedächtnishilfen, die unter dem Begriff Mnemotechnik bekannt sind.“, so Boris Nikolai Konrad. Das Prinzip dieser Methoden stellt das Lernen von Inhalten mit Hilfe von merkwürdigen Bildern und Geschichten dar. „Um sich etwa Zahlen besser einzuprägen, wird eine Bildertabelle gelernt oder es werden Wege und Routen angelegt und zum Lernen benutzt. Übrigens nicht nur für Stichworte, sondern ganze Vorträge und Bücher.“

Den Nachnamen des Herrn Kazmarcik kann man sich beispielsweise merken, indem man sich vorstellt, dass jener eine Katze mit Marzipan füttert. Als Deutscher sollte man bei dem Wort Paradeiser an einen Baum im Paradies denken, der nicht Äpfel, sondern Tomaten trägt. „Derartige Techniken sind anfangs ungewohnt, daher ist Training notwendig. 30 Minuten pro Tag genügen.“, meint der Gedächtnissportler und fügt noch hinzu. „Diese Methoden funktionieren übrigens weitgehend unabhängig von der Intelligenz eines Menschen.“ Demnach kann auch eine Person mit unterdurchschnittlicher Intelligenz einen untrainierten Hochintelligenten in Gedächtnisaufgaben klar schlagen.

Von Mensch und Maschine
Die Spurensuche vom Wunder des Denkens hat auch in der Forschung nicht Halt gemacht. „In den letzten 20 Jahren haben sich bildgebende Verfahren, wie die Kernspintomographie durchgesetzt, die das Gehirn von außen untersuchen, ohne es zu beeinflussen.“, so Boris Konrad. Auch im Bereich der Neuroinformatik wurden große Fortschritte gemacht. Die Simulation von Gehirnprozessen mit Hilfe von Computern ist möglich. Somit können auch Theorien über die Funktionsweise des Gehirns schnell und effizient getestet werden. „Mensch und Maschine arbeiten aber noch sehr unterschiedlich. Der klassische Computer speichert Information klar und gibt bei Rechnungen immer die gleiche Antwort. Beides ist bei unserem Gehirn völlig anders.“