Prim. Prof. Dr. Dr. Dipl. Psych. Andreas Remmel
Dept. Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München

Hintergründe zahlreicher psychischer und psychosomatischer Erkrankungen sind körperliche und seelische Stressmechanismen. Menschen fühlen sich überlastet, nicht mehr in der Lage, Ressourcen zu mobilisieren und Anforderungen zu bewältigen. Insbesondere chronischer Stress führt zu Erschöpfung, einem Verlust an Kraft, Energie, Kreativität, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden, aber auch zu wichtigen direkten Auswirkungen auf körperliche Vorgänge (Hirnprozesse, autonomes Nervensystem, Herz-Kreislauf-System, Stoffwechselleistungen, immunologische Prozesse).

Krankheit und Lebensgeschichte

Besonders gravierend sind lebensgeschichtlich frühe und dauerhafte Stressoren und Traumatisierungen.  Menschen mit frühen und andauernden Erfahrungen von Vernachlässigung, Bindungsunsicherheit, Gewalt oder Kränkungen sind in ihrer Entwicklung und ihrer Fähigkeit, Gefühle, Verhalten und Beziehungen gestalten und regulieren zu können, nachhaltig eingeschränkt.
Daraus können Persönlichkeitsentwicklungsstörungen, Traumafolgeerkrankungen, körperliche Beschwerden „ohne körperliche Ursachen“, Angsterkrankungen, Depressionen, Essstörungen, Abhängigkeitserkrankungen, u.a. resultieren.

Achtsamkeit und therapeutische Wirkfaktoren

Für eine erfolgreiche Therapie schwerwiegender psychosomatischer Erkrankungen sind mehrere Faktoren bedeutsam:

  • ein geschützter und sicherer Rahmen und Zeit
  • verlässliche und vertrauensvolle therapeutische Beziehungen
  • die Förderung eigener Wahrnehmungs-, Spür- und Reflexionsfähigkeit
  • eine Haltung von Flexibilität und Gelassenheit
  • Erfahrung und therapeutische Kompetenz

Wenn ich wahrnehmen, verstehen und unterscheiden kann, welche Gefühle, Gedanken, Erfahrungen, Bedürfnisse, Muster und Verhaltens-
impulse ich im Moment habe, welche mich geprägt haben, und dass diese grundsätzlich beeinflussbar sind, ergeben sich Möglichkeiten, das eigene Leben ändern zu können.
Diese lern- und trainierbare Basisfähigkeit wird mit dem Konzept „Achtsamkeit“ (mindfulness) beschrieben. Therapeutische Angebote können dann Veränderungen ermöglichen, fördern oder unterstützen.