Können Sie sich retrospektiv erklären, was Ihre Depression verursacht hat?

Mein Vater hat 1983 Suizid begangen. Es kann mit einer genetischen Veranlagung in Zusammenhang stehen. Man sollte sich aber nicht mit dem Gedanken quälen, dass man auch Depressionen haben wird, weil es in den vorhergehenden Generationen aufgetreten ist. Der Tod meines Vaters hat aber dazu geführt, dass ich mit zwanzig Jahren geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens wurde. Das hat schon sehr viel Druck und Spannung mit sich gebracht.

Meine Homosexualität war natürlich auch einer der Punkte, der dazu beigetragen hat, weil ich mich selbst verleugnet habe. Gleichzeitig muss ich aber sagen, ich habe drei wundervolle Kinder und eine Frau, dich ich bedingungslos liebe. Wir leben als Patchworkfamilie und das funktioniert prächtig. Und das ist ja auch ein riesiges Privileg und eine große Herausforderung und Aufgabe.

Wie wurde die Krankheit bei Ihnen diagnostiziert?

Ich bin mit einer schweren Lungenentzündung im AKH gelandet. Mein Hausarzt hat die Lungenentzündung festgestellt und mir gleichzeitig erklärt, dass ich schwer depressiv bin. Im Nachhinein muss ich sagen, die Lungenentzündung hat mich gerettet. Ich hab mich nicht mehr gespürt, auch meinen Kindern gegenüber war ich emotional taub, als sie noch jünger waren. Ich war wie in Zement gegossen. Da wusste ich, mit mir stimmt etwas nicht.

Wie gehen Sie heute mit der Krankheit um?

Nach meinen beiden Büchern hab ich geglaubt, dass die Depression nicht mehr so präsent werden wird. Aber in den letzten Wochen hat es mich wieder erwischt und die Depression hat wieder, wie eine alte, aber keine angenehme Bekannte, ihren Umhang um mich geschwungen. Ich habe jedoch den Vorteil, dass ich zwanzig Jahre Erfahrung und Strategien im Umgang mit der Krankheit habe. Das heißt auch, dass ich weiß, wann ich Hilfe brauche.

Es haut mich aber dennoch aus der Bahn, denn jeder Schub verläuft anders. Man weiß zwar immer, wie man das letzte Mal rausgekommen ist, aber für den Moment kann man sich dann oft nicht vorstellen, wie das diesmal funktionieren soll. Ich sag aber immer: Mein größtes Glück ist es, mit Unglück gut umgehen zu können.

Wie schafft man als depressiver Mensch Verständnis für die Krankheit im engeren Kreis?

Man muss viel und oft erklären. Und man muss begreifen, dass nicht nur die erkrankte Person von der Krankheit betroffen ist, sondern auch die Angehörigen. Es braucht auf beiden Seiten Kompetenzen, um damit umzugehen. Für die Angehörigen ist es enorm schwierig, auf Depressive und auf deren Bedürfnisse einzugehen. Sie müssen auch lernen, sich abzugrenzen, wenn es zu viel wird. Im Unternehmen braucht es natürlich auch ein großes Maß an Sensibilität. Es ist nicht leicht, psychisch kranke Menschen in einen Arbeitsprozess einzubinden.

Was würden Sie Menschen raten, die sich in einer depressiven Phase befinden?

Wenn es sich dabei um eine längere Phase, also um ein paar Wochen handelt, dann würde ich mich selbst hinterfragen, wenn das noch geht. Das ist gerade, wenn man den Kontakt zu sich selbst und zum Leben verliert, gar nicht so einfach. Oft flüchten sich die Menschen ja auch in eine Sucht: Alkohol, Drogen, Tabletten. Es ist schwierig sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, das erfordert sehr viel Mut. In so einer Phase sind Gespräche mit Freunden enorm wichtig, das kann aber nur der erste Schritt sein, bevor man zum Arzt geht und dann professionelle Hilfe in Anspruch nimmt.

Sie selbst befinden sich seit Ihrem Krankenhausaufenthalt in Therapie?

Ja, ich habe 1995 meine Therapeutin kennen gelernt zu der ich heute noch in Therapie gehe. Das läuft natürlich mittlerweile auf einer ganz anderen Ebene ab als damals, weil wir einander schon so gut kennen. Manche Leute sagen, jetzt machst du schon so lange Therapie und bist noch immer depressiv. Da sag ich dann nur: Heast, ich leb noch! Es könnte auch ganz anders verlaufen wenn man schwere Suizidgedanken hegt.

Viele Leute glauben, dass es so einfach ist, Leute vollkommen zu heilen. Die Heilungsquote ist zwar hoch aber manchmal verschwindet die Depression nie ganz.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Es ist wichtig, dass die Leute endlich begreifen, dass man als psychisch kranker Mensch nicht einer Randgruppe angehört. Wir sind ein Bestandteil dieser Gesellschaft. Wir wollen auch nicht geduldet, sondern akzeptiert werden. Ich glaube, es muss alles in allem, auch mit Hinblick auf die Rahmenbedingungen der gesundheitlichen Versorgung noch sehr viel mehr geschehen. Bei vielen anderen Krankheiten gibt es deutlich mehr öffentliche Unterstützung durch Events und Aufrufe.

Es hat zwar eine gewisse Enttabuisierung stattgefunden, aber das geht mir ehrlich gesagt nicht schnell genug. Das macht mich oft sehr traurig, ernst und auch grantig, dass da nicht mehr weitergeht, denn man darf nicht vergessen, Depression ist eine Krankheit, die auch todbringend sein kann.