Priv. Doz. Dr. Christian Fazekas
Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, stellvertr. Leiter der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Graz

Dr. Fazekas, Sie sprechen von einer psychosomatischen Unterversorgung, warum das?

Oft ist der Körper das erste Ausdrucksorgan von Schwierigkeiten, Ort der Psyche ist daher etwa auch das Allgemeinkrankenhaus. Dort wird dann umfassend körperlich untersucht, aber die psychosomatischen Aspekte, selbst wenn sie behandlungsbedürftig sind, werden kaum erfasst und behandelt.

Warum nehmen wir Körper und Geist immer noch als getrennte Bereiche wahr?

Die Medizin hat eine zunehmende Spezialisierung erfahren; das Wissen aber auch die technischen Möglichkeiten sind enorm gewachsen. Die Psyche wird daher ebenfalls als Teilbereich angesehen, der sich nicht mit den anderen Fächern überschneidet. Eine psychosomatische Grundversorgung bedeutet, dass jeder Arzt einschätzen kann, ob beim einzelnen Patienten ein psychosozialer Faktor die Krankheit und die Lebensqualität soweit beeinflusst, dass er ebenfalls beachtet werden muss. Das fehlt in Österreich.

Ihr Ansatz ist daher jener der psychosomatischen Intelligenz bzw. Kompetenz – was bedeutet das?

Wir müssen uns bewusster werden, dass wir über leibliche bzw. psychosomatische Kompetenz verfügen. Darauf werden wir in der ganzen Gesundheitsdebatte allerdings wenig hingewiesen. Experten von außen sagen uns, was wir tun sollen – aber wie es uns dabei geht, wie uns die Umsetzung der Empfehlungen gelingt, ist nicht Thema.

Man muss also selbst zum Experten werden?

Nein. In erster Linie brauchen wir ein Gesundheitssystem mit einer ausreichenden psychosomatischen Versorgung und eines, das den Patienten als mündigen Partner sieht. Wir können dieses Problem nicht einfach auf die Patienten abwälzen. Psychosomatische Kompetenz ist daher auch nicht die Lösung für dieses Problem. Je eher ich körperliche Signale als Vermittler wahrnehme und in Bezug auf mein Umfeld richtig interpretiere, desto besser ist meine Ausgangsituation, um adäquat auf meine körperliche wie auf meine Gesamtsituation zu reagieren.  

Wie kann das funktionieren?

Über unser Spüren und Empfinden haben wir einen Zugang zu uns, der Informationen über den Körper und die Psyche liefert. So können wir unser eigenes Erleben registrieren und reflektiert darauf reagieren. Dazu muss ich natürlich eine gewisse Selbstaufmerksamkeit und Selbstwahrnehmung haben. Wie erschöpft bin ich oder wie reagiere ich auf die Nähe bestimmter Menschen, wären da nur zwei Beispiele. Denn der Körper liefert auch Informationen, ob die gegenwärtige Situation als angenehm und passend empfunden wird.

Körper und Geist arbeiten zusammen?

Es ist ein Zusammenspiel zwischen spüren und denken, die Informationen aus beiden Kanälen sollten im besten Fall übereinstimmen. Tun sie das nicht, kann man sich überlegen, warum ist das so und versuchen, sich diese Diskrepanz zu erklären. Manchmal ist es gut, auf das zu setzen, was wir spüren, manchmal ist es besser unserem Verstand zu vertrauen und nicht etwa der Intuition oder den Empfindungen. Die persönliche körperliche Lerngeschichte spielt hier ebenfalls eine Rolle und ermöglicht uns, gewisse Dinge bereits antizipatorisch wahrzunehmen und im Vorfeld abzuwägen.

Kann man psychosomatische Intelligenz lernen?

Eigentlich haben wir eine Selbststeuerungstendenz und psychosomatische Kompetenz, die jedoch durch Angebote der Zivilisationsgesellschaft oft abtrainiert wurden. Daher braucht es so etwas wie psychosomatische Intelligenz, um mit den Angeboten so umzugehen, dass man für sich einen guten und kompetenten Weg wählen kann. Das kann man lernen und fördern.