Univ.Prof.Dr. Christian Haring
Präsident des Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

Die jährliche Anzahl der in Österreich durch Suizid verstorbenen Personen ist seit 1987 rückläufig. Und dennoch: In Österreich sterben jährlich doppelt so viele Menschen  durch Suizid als durch Verkehrsunfälle. Im Jahr 2011 insgesamt 1.286 Personen laut Statistik Austria. Österreich liegt damit im unteren ersten Drittel der europäischen Staaten.

Depression, soziale Ausgrenzung und Alkoholabhängigkeit

Warum jemand seinem Leben ein Ende setzen möchte, hat verschiedenste Gründe. Am häufigsten denken jedoch Menschen darüber nach, die Probleme in der Partnerschaft oder Arbeit haben, alkoholabhängig sind oder an Depressionen leiden. Prof. Dr. Christian Haring, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, warnt jedoch vor allzu übereifrigen Versuchen, jemandem eine Diagnose zukommen zu lassen, denn „nicht jede Stimmungsschwankung ist eine Erkrankung.“

Wer jedoch in der Klemme steckt, weiß oft keinen Ausweg aus der erlebten Lebensmüdigkeit. Dieser Enge setzt Dr. Haring überzeugt entgegen: „Es kann Probleme geben, aber es gibt immer eine Lösung. Und es gibt Menschen, die darin kompetent sind, zu helfen. “

Miteinander reden hilft beim schwierigen Thema Suizid

Angehörigen und Freunden rät der Experte: „Es ist ganz wichtig, dass man keine Furcht davor hat, sich der Thematik der Lebensmüdigkeit in Gesprächen mit dem Betroffenen schrittweise zu nähern. “ Denn die Annahme, dass jemand, der davon spricht sich das Leben zu nehmen, es ohnehin nicht tue, sei schlichtweg falsch. Doch wie spricht man ein so heikles Thema an? Die einfache Nachfrage, ob der Betroffene es als Erleichterung empfände, wenn er nicht mehr leben würde, könnte einen Einstieg bilden. Folgt ein Ja, könnte folgen, ob er aktiv etwas tun würde, um die Situation zu beschleunigen.

Wichtig ist es dabei, sich nicht exklusiv einweihen zu lassen, sondern Hilfe von ExpertInnen in Anspruch zu nehmen. „In diesem Fall geht es um Lebensrettung. Auch wenn die Person sich in dem Moment weigert mit anderen zu sprechen oder ins Spital zu gehen – im Nachhinein sieht alles anders aus, “ sagt der Arzt.

Gesund und glücklich durch soziale Kontakte

Dr. Haring: „Ich würde sagen, man muss im Leben verschiedene Bereiche haben, die man ausgewogen rhythmisch zueinander lebt. “ Doch das alleine wirke noch nicht. Menschen, die gesund sind, haben in der Regel ein weites Netzwerk an sozialen Beziehungen. Der Tipp des Experten, um im eigenen Leben zu überprüfen, wie es um die momentane Qualität der sozialen Kontakte im Freundeskreis steht, ist die einfache Frage: „Wenn Sie auf Urlaub fahren, wer gießt Ihre Blumen?  Wenn Ihnen ein paar Menschen einfallen, dann wird es auch Personen geben, denen Sie in trüben Zeiten Ihr Herz ausschütten können. “