Herr Prokopetz Sie  haben selbst eine Depression erfolgreich bekämpfen können, wie haben Sie das geschafft?

Meine Eigenleistung war, dass ich trotz des Lebensekels, der mich damals – vor mittlerweile fast 15 Jahren – erfüllt hatte, zum Arzt gegangen bin, der dann eine veritable Depression diagnostiziert hat. Und mit einem entsprechenden Medikament, das ich knapp ein Jahr eingenommen habe, zunächst Besserung und dann Heilung brachte. Parallel dazu half mir eine Gesprächstherapie bei einem Facharzt, mit dem ich vereinbarte, nicht über eventuelle Ursachen zu spekulieren, sondern möglichst schnell zu erreichen, dass es mir besser ginge.
Ich bin nun seit diesen knapp 15 Jahren so gut wie beschwerdefrei. Soll heißen: Es gibt Zeitspannen, während denen die Verzweiflung sich vordrängt, aber nach ein paar Tagen wieder zurückzieht. Begleitet sind diese Tage durchaus von Zuversicht aber auch der latenten Angst, dass es wieder so  heftig werden könnte. Nachdem aber bis heute kein „Rückfall“ eingetreten ist, überwiegt deutlich die Zuversicht.

Es ist (scheinbar?) leichter geworden darüber zu sprechen – und trotzdem ist es ein Tabuthema. Wie motiviert man Menschen, sich eine Depression einzugestehen, sich helfen zu lassen und vielleicht auch zum Arzt zu gehen?

Es ist nicht leicht einen wirklich depressiven Menschen zu irgendetwas zu motivieren, weil ja Sinnverlust und Antriebslosigkeit das Leben bestimmen. Man kann selbstverständlich ermuntern, ärztliche Beratung einzuholen, aber der Impetus sich selbst zu helfen, indem man sich helfen lässt, muss letztlich aus dem Betroffenen selbst kommen.

Depressionen sind normal und heilbar – hat das Ihr Umfeld auch so gesehen, als Sie „betroffen“ waren?

Mein Umfeld hat von nichts gewusst und weitgehend nichts bemerkt. Ich habe nach außen hin funktioniert. Man war vielleicht befremdet, hat mein Rückzugsverhalten und meine Gesprächsverweigerung als Befindlichkeit abgetan. Was hätte ich auch sagen sollen? Ich wusste selbst nicht, was los war mit mir.

Was tun Sie, was hilft Ihnen an schlechten Tagen, um Ihre Stimmung aufzuhellen? Haben Sie Tipps für Menschen, denen es ähnlich geht?

Ehrlich gesagt, ich tue gar nichts. Mir hilft die schon erwähnte Zuversicht, dass es wie schon so oft wieder nur ein ephemerer Zustand ist. Tipps habe ich keine, weil Depressionen individuell ablaufen. Nur vielleicht das eine, woher die Kraft auch immer kommen mag: Sich seinem Zustand stellen, vor sich selbst zugeben, dass man allein da nicht wieder „rauskommt“, zum Arzt gehen und Hilfe in Anspruch nehmen. So paradox das klingt: Es braucht auch Kraft, sich helfen zu lassen.

Können Sie jetzt bei Bekannten oder Freunden Muster erkennen, wo Sie sich denken, dass sie gefährdet sein könnten?

Nein, kann ich nicht. Ich erkenne nur, wenn jemand die Depression „romantisiert“. Zwischen ein bisschen Schwermut und einer Depression ist ein Unterschied wie zwischen Kopfweh und einer Enthauptung.

Meinen Sie, dass es Berufsgruppen gibt, die vielleicht eher betroffen sind als andere – etwa Künstler, Kreative? Hat Depression mit Sensibilität zu tun oder spielt das keine Rolle?

Eine Depression kann jede und jeden treffen. Keine Krankheit privilegiert eine Gruppe, indem sie sie nicht befällt. Aber gerade bei der Depression ist es – meine ich – eine Frage des sozialen Hintergrunds, wie man mit ihr umgeht. Menschen, deren Umfeld von Glücksunfähigkeit und Abwesenheit aller Perspektiven aber so gar nichts versteht und mit: „Sei nicht fad, reiß´ dich z´samm, trink ein Stamperl...“ reagiert, die tun sich sicher schwerer als etwa Menschen in deren Umwelt Sensibilität und Verletzlichkeit zugelassen werden.