Prim.a Dr.in Christa Rados
Vorstand der Abteilung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin am LKH Villach

Tatsächlich sind psychische Krankheiten sehr verbreitet. Jeder Fünfte erleidet mindestens einmal im Leben eine depressive Episode. Psychische Erkrankungen sind mittlerweile die häufigste Ursache vorzeitiger Erwerbsunfähigkeit.

Hier besteht Handlungsbedarf: In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass mehr als die Hälfte der Depressionen unerkannt bleibt. Noch dramatischer ist die Situation, wenn es um die richtige Behandlung  geht: Im Rahmen einer großen epidemiologischen Untersuchung in Deutschland fand man heraus, dass mehr als 60 Prozent der depressiven Patienten nicht oder nur unzureichend behandelt wurden.

Die Ursachen sind dafür vielfältig. Eine wichtige Rolle spielt  eine mögliche Tendenz zur Verharmlosung. 

 

„Psychische Erkrankungen sind mittlerweile die häufigste Ursache vorzeitiger Erwerbsunfähigkeit.“ 

Es ist eine Tatsache, dass einfache Erschöpfungszustände ähnliche Symptome wie ernsthafte Krankheiten zeigen können: Antriebsstörung, Lustlosigkeit, Verstimmung oder Ängstlichkeit können Zeichen einer Überforderung sein, die mit Lebensstiländerung, motivierenden Maßnahmen oder Coaching durchaus in den Griff zu bekommen ist. Anders sieht es aus, wenn eine seelische Erkrankung vorliegt. In diesen Fällen greifen wohlmeinende Ratschläge, wie einmal auszuspannen oder Urlaub zu machen, zu kurz und können die Isolation der Betroffenen verstärken. Für diese ist es schwierig, sich im breiten Spektrum der Hilfsangebote zurecht zu finden: Lebensberatung, Coaching oder Naturheilverfahren bieten Unterstützung an. Psychologe, Psychiater oder  Psychotherapeut – verschiedene Berufsgruppen verfügen über unterschiedliche Expertise für seelische Leidenszustände. Während in Fragen der Lebensstil-änderung unterschiedliche Zugänge zielführend sein können, geht es bei manifesten Erkrankungen um medizinische Expertise.


Diagnose bei psychischen Erkrankungen

Hier steht die exakte Diagnostik anhand klinischer Symptome an erster Stelle. Leider scheuen Betroffene oft den Gang zum Facharzt für Psychiatrie, da nicht nur psychische Erkrankungen, sondern auch deren Behandlung nach wie vor von Missverständnissen und Vorurteilen betroffen sind. „Was soll ich beim Psychiater, ich bin doch nicht verrückt.“ Tatsächlich steht heute eine Vielfalt an therapeutischen Optionen zur Verfügung. Neben nichtmedikamentösen Behandlungsmöglichkeiten wie der Psychotherapie existiert eine Vielzahl moderner  Medikamente, die eine qualitätsvolle und zeitgemäße Behandlung der oft schwerwiegenden Erkrankungen ermöglichen. Während jedoch in anderen medizinischen Disziplinen diverse Behandlungsmöglichkeiten relativ hohe Akzeptanz finden und über Innovationen positiv berichtet wird, ist die Haltung gegenüber der psychiatrischen Behandlung deutlich kritischer. Dies betrifft vor allem die pharmakologische Therapie. Dabei sind moderne Medikamente im Allgemeinen gut verträglich und hoch wirksam. In Hinblick auf die Wirkstärke sind Psychopharmaka – das konnte in zahlreichen Untersuchungen belegt werden –  den in der somatischen Medizin verwendeten Substanzen zumindest gleichwertig. Im Bereich der seelischen Gesundheit spannt sich somit ein weiter Bogen von der Förderung des persönlichen Wohlbefindens über die Unterstützung eines gesunden Lebensstils bis hin zur Behandlung psychischer Erkrankungen.


Beitrag leisten zur Prävention psychischer Erkrankungen

 „Hilfe zur Selbsthilfe“ bei Belastungen und Erschöpfungssymptomen leistet einen wichtigen Beitrag zur Prävention psychischer Erkrankungen. Wenn solche  jedoch bereits manifest sind,  wird fachlich kundige ärztliche  Hilfe benötigt. Hier zu entstigmatisieren und seriös zu informieren, ist ein wesentlicher Auftrag der medialen Berichterstattung. Um sich im großen Angebot an Unterstützungsmöglichkeiten zu orientieren, bedarf es der Information. Diese wird auf den folgenden Seiten geboten. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre.