Nutzen und Risken der Blutverdünnung

Blutverdünnende Medikamente hemmen die Bildung von Blutgerinnseln im Körper. Dadurch werden gefährliche Erkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Gefäßverschlüsse verhindert. Nachteil: Die gehemmte Blutgerinnung steigert bei schweren Unfällen den Blutverlust. Dadurch kann der Kreislauf versagen und es droht durch die Blutarmut eine Unterversorgung der Organe mit lebenswichtigen Stoffen. Die Transfusion von Blutkonserven ist kein Allheilmittel in dieser kritischen Situation, weil Fremdblut seinerseits Gesundheitsrisiken birgt. Wenn’s drauf ankommt, braucht es dann ein umfassendes Management der lebenswichtigen Funktionen und der Blutgerinnung.

Akutmedizin bei starker Blutung unter Blutverdünnung

Notoperationen sind zwar selten, aber nicht ausgeschlossen. Es muss sich schätzungsweise nur einer von 50 Menschen mit blutverdünnenden Medikamenten im Laufe eines Jahres einer nicht aufschiebbaren Operation unterziehen. Dann braucht es aber Mittel, um starken Blutungen Einhalt zu gebieten. Bei den Blutgerinnungshemmern der 1. Generation, den so genannten Vitamin-K-Antagonisten, wird Vitamin K gegeben, weil dadurch der Körper selbst wieder Blutgerinnungsfaktoren bilden kann. Die Wirkung setzt aber zu langsam ein, um eine schwere Blutung zu stoppen. Daher braucht es raschere und wirksamere Maßnahmen: Um der blutverdünnenden Wirkung schnell entgegenzusteuern, wird ein Konzentrat an Blutgerinnungsfaktoren zugeführt. Dieses Konzentrat wird über einen Venenzugang verabreicht und wirkt prompt. Aber es provoziert die Bildung von Blutgerinnseln im Körper und dadurch können Folgeprobleme entstehen, wie Venenthrombosen, Embolien und Schlaganfälle.

Bei Blutgerinnungshemmern der 2. Generation, den sogenannten nicht-Vitamin-K-abhängigen oralen Antikoagulanzien, abgekürzt NOAK, wurde bisher in Blutungsnotfällen auch das Blutgerinnungsfaktorenkonzentrat verabreicht. Die Gerinnungshemmer wurden in Einzelfällen durch Blutwäsche oder Magenspülungen mit Aktivkohle aus dem Körper entfernt. Alle diese Maßnahmen sind zeitaufwendig und risikobehaftet.

Innovation in der Blutungstherapie

Zeitaufwand und spezifische Nebenwirkungen der bisherigen Blutungstherapie haben den Ruf nach Gegenmitteln gegen blutverdünnende Medikamente laut werden lassen. Ein neues Gegenmittel gegen ein spezielles NOAK, welches den so genannten Gerinnungsfaktor Thrombin direkt hemmt, knipst die Wirkung der Blutverdünnung wie mit einem Lichtschalter aus. Dieses Antidot (Gegenmittel) steigert seinerseits nicht die Bildung von Blutgerinnseln, sondern hebt nur augenblicklich die Wirkung dieses speziellen blutverdünnenden Medikamentes auf. Damit wird ein neuer Sicherheitsstandard im Management von schweren Blutungen und vor dringenden Notoperationen gesetzt. Für sämtliche NOAKs sind solche Antidots in Entwicklung.

Behandlungskonzept: patient blood management

Schwere Blutungen haben in der Regel mehr als eine Ursache, also sind nicht immer nur die blutverdünnenden Medikamente daran schuld. Im OP oder Schockraum nutzen Anästhesisten zunehmend eine rasche, bettseitig verfügbare Blutgerinnungsdiagnostik als Basis ihrer maßgeschneiderten, multimodalen Therapie. Darüber hinaus wird das patienteneigene Blut möglichst nicht weggeworfen, sondern der Blutverlust sorgfältig gesammelt, aufbereitet und den PatientInnen wieder zurückgegeben. Ein Mangel in der Blutbildung wird etwa durch die Verabreichung von Eiseninfusionen ausgeglichen. Das Gesamtkonzept dieses patientInnenorientierten Blutmanagements wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO als "patient blood management" befürwortet.