Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Petritsch
Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie

Heute weiß man, dass die meisten Geschwüre nicht von Emotionen kommen, sondern durch ein Bakterium (Helicobacter pylori) oder durch Schmerzmedikamente ausgelöst werden. Die rechtzeitige und primär richtige Diagnosestellung, sowie eine zielgerichtet Therapie, sind die Hauptaufgabe des Verdauungsspezialisten (Gastroenterologen). Gemeinsam mit der Hepatologie, der Lehre über Lebererkrankungen, vertritt die ÖGGH (Österreichische Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie) dieses Fachgebiet. 

 

Veränderte Krankheitsbilder

Vor einigen Jahren war die Diagnose Dickdarmkrebs in über fünfzig Prozent der Fälle ein Todesurteil. Deswegen wird heute der Aufgabenschwerpunkt der Gastroenterologen auf die Aufklärung, die Vorsorge und Verhinderung eines solchen Karzinoms gelegt.  So sinkt in den USA seit der Einführung der Vorsorgekoloskopie im Jahr 1995 die jährliche Kolonkarzinomrate konstant. Bei anhaltendem Trend werden so bald fünfzig Prozent weniger Dickdarmkarzinome als noch vor 15 Jahren zu verzeichnen sein. 

Vermeintlich durch Veränderungen unserer Ernährungsgewohnheiten, geänderte Umweltbedingungen und durch die Mehrfachbelastungen im Beruf sowie in der Familie, haben funktionelle Erkrankungen wie der Reizdarm und entzündliche Erkrankungen wie der Mb. Crohn oder die Colitis ulcerosa zuletzt stark zugenommen. Diese Krankheitsbilder stehen somit ebenfalls im Mittelpunkt unseres Interesses.

 

„Durch veränderte Umweltbedingungen und Mehrfachbelastungen haben viele Erkrankungen deutlich zugenommen.“

 

Spezialisierung, technischer Fortschritt und neue Behandlungsmaßnahmen

Die Halbwertszeit von medizinischem Fachwissen beträgt heute ca. fünf Jahre. Permanente Fortbildung ist daher notwendig, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Aufgrund des großen Spektrums ist es manchmal sogar dem Verdauungsspezialisten nicht möglich, auf allen Gebieten der Medizin top zu sein, sodass innerhalb des Fachgebietes der Gastroenterologie und Hepatologie auch Subspezialisten notwendig sind, um heikle Situationen und Fragestellungen wirklich up-to-date zu beantworten. 

Aber nicht nur im medizinischen Sektor hat sich vieles getan. Mit Hilfe der „Neuen Endoskope“ sind in manchen Fällen bereits histologische Diagnosen möglich. Der technische Fortschritt ist heute so weit, dass beispielsweise Darmzotten, die früher nur unter dem Mikroskop erkannt wurden, mit den heutigen modernen Endoskopen eindeutig sichtbar sind. Durch den Fortschritt der Technik ermöglichen hochauflösende Bilder, viele Erkrankungen inklusive Frühkarzinome.  leichter und früher zu erkennen. 

Auch bei den Therapieoptionen von funktionellen und entzündlichen Erkrankungen hat sich in letzter Zeit einiges verändert. Zur Behandlung des Mb. Crohn gibt es seit nunmehr gut 12 Jahren neue Medikamente (sogenannte Biologika), die in vielen Fällen das von den PatientInnen so gefürchtete Kortison überflüssig machen. Aber nicht immer ist es einfach, das aktuelle Wissen auch an Patient/inn/en umzusetzen.  Durch die folgenden Beiträge und Interviews sollen Ihnen in verständlicher Weise mehr Details über Bedeutung, Vorsorgemöglichkeiten, Diagnosen sowie Behandlungsmöglichkeiten einiger wichtiger Verdauungserkrankungen vermittelt werden.