Was ist diabetische Ketoazidose?

Dies ist eine, wenn auch dank moderner verbesserter Diabetestherapie eher seltene (6–8 Fälle pro Jahr), aber doch ernstzunehmende Komplikation, die bei einem längerem absoluten Insulinmangel auftritt.

Das Verstoffwechseln von Zucker im Körper entgleist dabei schwerwiegend, denn ohne das lebensnotwendige Transporthormon Insulin kann die Glukose nicht in die Zellen gelangen. Der Blutzuckerspiegel steigt auf Werte über 300 mg/dl.

Zum Vergleich: Bei gesunden Menschen liegt er zwischen unter 100 mg/dl (nüchtern) und in etwa 140 mg/dl (nach einer Mahlzeit). Dieser absolute Insulinmangel führt zum vermehrten Abbau von Fett in Fettsäuren, die sich anhäufen und zu sogenannten Ketonkörpern umgebaut werden, was letzendlich zu einer lebensbedrohlichen Übersäuerung des Körpers führen kann.

Wer muss mit einer Ketoazidose rechnen?

Vor allem Diabetes-1-PatientInnen, ganz gleich, ob Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener. Denn Diabetes-1-PatientInnen sind insulinabhängig, ihr Körper kann nicht mehr oder nicht mehr ausreichend Insulin produzieren. Sie brauchen körperfremdes Insulin als Ersatz.

Was ist mit Diabetikern des Typs 2?

Die diabetische Ketoazidose kann auch Typ-2-PatientInnen treffen, wenn sie im Laufe  ihrer diabetischen Erkrankung ein absolutes Insulindefizit entwickeln. Sehr selten kann die Ketoazidose auch bei DiabetikerInnen, die zum Regulieren des Zuckerhaushalts sogenannte SGLT-2-Hemmer einnehmen, auftreten. Dies aber nur unter bestimmten Vorraussetzungen, worüber wir im Vorfeld der Behandlung informieren.

Wie kündigt sich die Ketoazidose an?

Typische Anzeichen sind eine Verbindung von zunehmender Müdigkeit, Schwächegefühl, häufiges Urinieren (Polyurie) insbesondere des Nachts (Nykturie), großer Durst, häufiges Aufstoßen mit auffälligem, apfelartigem Acetongeruch, Bauchschmerz, Übelkeit bis hin zum Erbrechen, eine vertiefte, intensivierte Atmung, eine hochrote Gesichtsfarbe sowie eine wachsende Teilnahmslosigkeit bis hin zur Bewusstlosigkeit.

Was ist zu tun, wenn ein Betroffener diese Symptome hat?

Stellt ein Patient verbunden mit sehr hohen (über 300 mg/dl) Blutzuckerwerten die vorgenannten Symptome fest, sollte er sich als Erstes fragen, wann und wieviel er zuletzt Insulin gespritzt hat. Liegt das mehr als vier Stunden zurück, ist die Wirkung dieses Insulins erschöpft und die zweite Frage zu beantworten: Wann und was wurde zuletzt gegessen?

Ist auch das drei, vier Stunden her und ist auszuschließen, dass ein allzu üppiges Mahl die Ursache für den hohen Blutzuckerwert ist, sodass dieser ungünstigenfalls noch ansteigen könnte, während der Körper die Mahlzeit weiter verdaut, dann sollte der Blutzuckertest wiederholt werden.

Zeigt sich erneut  ein Wert über 300 mg/dl, sollte man sich wie geschult selbst korrigieren, indem man die zu berechnende Menge an Insulin spritzt. Das Insulin sollte nach einer halben Stunde beginnende Wirkung  zeigen.

Gibt es weitere Verhaltensregeln für die „Korrekturphase“?

Es sollte ergänzend viel getrunken werden, am besten Wasser. Denn ein Zuviel an Zucker wird über die Nieren ausgeschieden. Wer geschmackloses Wasser nicht mag, kann zu ungesüßten Getränken greifen. Zuckerhaltiges sollte unbedingt vermieden werden, sonst kommt es noch zum glykämischen Super-GAU. Körperlich sollte man in dieser Zeit ruhen.

Und was ist, wenn der Patient nicht selbst handeln kann?

Im besten Fall hat der Diabetespatient sein unmittelbares Umfeld informiert, sodass Familienmitglieder, Freunde und Kollegen wissen, dass Sie sofort einen Arzt rufen müssen, wenn er nicht mehr ansprechbar ist. Eine schwere ketoazidose Entgleisung ist ein zwingender Grund für einen stationären Aufenthalt!

Bis der Arzt kommt, ist der bewusstlose Patient in die stabile Seitenlage zu bringen und sollte selbstverständlich nicht alleingelassen werden.

Sie haben seit Ihrem 14. Lebensjahr Diabetes 1 als Lebensgefährten. Kennen Sie die Ketoazidose persönlich?

Nein. Ich kenne aber schlimme Unterzuckerungen, die im Übrigen viel häufiger auftreten als die Überzuckerung mit Komplikationen wie der Ketoazidose, und stelle mir das Erlebnis ähnlich vor. Das Schlimmste ist wohl, dass man dabei nach und nach die Kontrolle verliert.

Normalisiert sich der Stoffwechsel wieder, kann man sich selten an das für die unmittelbare Umgebung oft dramatische Ereignis erinnern. Man ist wieder Herr seiner Sinne und das Leben geht weiter.

Hat die diabetische Ketoazidose bestimmte Auslöser?

Die Ursache für den absoluten Mangel an Insulin kann sein, dass der Insulin-Pen nicht einwandfrei funktioniert. Das kann heutzutage durchaus einmal vorkommen, so ein Pen ist ein Alltagsstück und wird überallhin mitgeführt. Da kann der auch mal kaputtgehen.

Oder das gespritzte Insulin hat an Wirksamkeit verloren, weil es beim Skifahren unterkühlte oder am Strand zu heiß wurde. Auch ein schwerer Infekt oder eine komplexe Verletzung kann eine bedrohliche Stoffwechselentgleisung begleitend entwickeln.

Was raten Sie als Experte und Betroffener anderen Diabetikern bezüglich der Ketoazidose?

Ich empfehle meinen PatientInnen, ihren Diabetes als das zu nehmen, was es ist: ein Handicap, mit dem es sich exzellent leben lässt. Wer im Umgang mit seinem Diabetes gut beraten und geschult wird, kann erste Anzeichen einer Ketoazidose erkennen und lernt richtig zu handeln.

Es gilt: Von einer Blutzuckerentgleisung geht die Welt nicht unter! Diese ernst zu nehmen und aktiv zu handeln ist indessen erforderlich. Wer mit seinem Diabetes gut lebt, hat sein Umfeld informiert und kann selbst im Notfall mit Hilfe rechnen. Ich kann meinen PatientInnen aus eigenem Erleben versichern, dass ein erfülltes Leben mit Diabetes möglich ist – ohne Einschränkungen in Beruf und Freizeit. 

Dabei helfen uns Medizinern wie PatientInnen die bisherigen Erkenntnisse über das Handicap Diabetes und dessen Therapie. Aus diesem Wissen resultiert praktische Lebenshilfe ebenso wie ein entsprechend verbesserter Lifestyle, der letztendlich zu einer optimierten Lebensqualität führen kann.