Univ.-Prof. Dr. Thomas C. Wascher
Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft


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Warum sollten Diabetes-PatientInnen regelmäßig Ihren Blutzucker messen?

Zum einen ist es notwendig, dass die PatientInnen lernen, erfahren und wissen, welchen Einfluss Aktivitäten des täglichen Lebens auf die Blutzuckerregulation haben. Dieses Wissen ist wichtig, um es in den Therapiealltag einfließen lassen zu können. Der zweite Grund ist, dass es Therapien gibt, für die eine regelmäßige Blutzuckermessung notwendig ist. Dadurch kann der Patient eine unmittelbare Reaktion aus dem gemessenen Blutzucker durch die Veränderung seiner Therapie setzen. Ein dritter Grund ist, dass Patienten beispielsweise bei einem grippalen Infekt kontrollieren müssen, ob ihr Blutzucker entgleisen könnte. Das ist gerade bei Therapien, die eine Unterzuckerung hervorrufen können, sehr wichtig.

Gibt es Unterschiede in der Blutzuckermessung von Typ-1- und Typ-2-DiabetikerInnen?

Das sind in erster Linie therapiebedingte Unterschiede. Typ-1-Diabetiker bekommen in der überwiegenden Zahl eine intensivierte Insulintherapie. Dabei initiieren Patienten ein- bis zweimal ein langwirksames Insulin und je nachdem wie häufig sie essen, zwischen ein- bis viermal ein kurzwirksames Insulin. Und das macht Blutzuckermessungen notwendig. Die Messhäufigkeit resultiert daher nicht aus dem Typ der Erkrankung, sondern aus der Therapie. Hätte ein Typ-2-Diabetiker die gleiche Therapie, müsste er genauso oft messen.

Eine Blutzuckermessung bringt also insgesamt nur Vorteile?

Eine Blutzuckermessung richtig eingesetzt, bringt für PatientInnen nur Vorteile. In allen Leitlinien weltweit ist die Forderung enthalten, dass PatientInnen geschult sein müssen. Diabetiker müssen wissen, wie, wann und warum sie messen. Außerdem ist eine Messung nur dann sinnvoll, wenn diese mit dem behandelnden Arzt besprochen wird und in die Therapieentscheidungen einfließen kann.

Wie aufwendig ist eine Blutzuckermessung und was ist für eine korrekte Messung zu beachten?

In Wirklichkeit ist der Vorgang der Blutzuckermessung gar nicht aufwendig. Es gibt Stechgeräte mit Lanzetten, die eine minimale Verletzung an der Fingerkuppe setzen, um einen Mini-Blutstropfen zu erhalten. Damit wird die Messung, die normalerweise nur drei bis zehn Sekunden dauert, durchgeführt. Wichtig ist, dass die Finger sauber und trocken sind. Die Messung kann nämlich durch Chemikalien oder auch Zucker an den Fingerkuppen beeinträchtigt werden.

Was hat sich in den letzten Jahren bei den Blutzuckermessgeräten getan?

Wir stehen jetzt gerade vor einer durchbruchartigen Neuerung bei der Messung des Zuckers. Ich sage jetzt bewusst nicht mehr Blutzucker, da diese neuen Geräte nicht mehr im Blut, sondern in der Gewebsflüssigkeit messen. PatientInnen setzen sich zum Beispiel am Oberarm einen Sensor, der dann 14 Tage lang kontinuierlich den Zucker misst. Der Betroffene muss sich dann nicht länger mehrmals täglich in den Finger stechen. Das wäre eine große Erleichterung für all jene Patienten, die aufgrund einer intensivierten Insulintherapie oder Pumpentherapie eine hohe Messfrequenz benötigen.

Die eigene Blutzuckermessung ist kein Selbstzweck, sondern ist Teil des Behandlungskonzeptes für Diabetiker. Der zentrale Aspekt ist dabei immer das Zusammespiel von Ärzten und Patienten.

Abgesehen von der Blutzuckermessung: Was raten Sie DiabetikerInnen, wie sie am besten auf ihre Gesundheit achten können?

Man predigt es immer wieder und auch ich kann es nicht oft genug wiederholen: wie bei allen chronischen Erkrankungen muss der Betroffene selbst seine Erkrankung aktiv managen. Die Ärzte können jede Unterstützung der Welt anbieten, aber das aktive Management einer lebenslangen Erkrankung muss vom Betroffenen kommen. Mittlerweile gibt es sehr gute Medikamente zur Behandlung von Diabetes. Aber die eigene Lebensführung, Bewegung und Ernährung ist das Rückgrat jeder Therapie. Der Erfolg einer Lebensstiländerung lässt sich durch Medikamente wunderbar unterstützen. Auf der anderen Seite lassen sich viele medikamentöse Effekte durch eine nicht passende Lebensführung zunichte machen.

Welche Tipps können Sie unseren LeserInnen abschließend geben?

Jeder Betroffene sollte sich Diabetes stellen. Die Österreichische Diabetes Gesellschaft hat mit „Face Diabetes“ (www.facediabetes.at) eine Initiative gestartet, um nicht nur Bewusstsein für PatientInnen zu schaffen, sondern sich auch als Gesellschaft aktiv dem Diabetes zu stellen. Allein in Österreich gibt es mehr als 600.000 Diabetiker, davon ist der überwiegende Teil Typ-2-Diabetiker. Was wir fix wissen ist, dass es rund 440.000 medikamentös behandelte Diabetiker gibt. Was wir nicht wissen ist, wie viele Diabetiker eigentlich nur mit Ernährung und Bewegung behandelt werden. Vor zirka zehn Jahren ist davon ausgegangen worden, dass jeder zweite Diabetiker in Mitteleuropa gar nichts von seiner Erkrankung weiß. Wir hoffen natürlich, dass diese Dunkelziffer mittlerweile nicht mehr so hoch ist.