Mit 22 Jahren beschlossen Sie Ihr Leben komplett zu ändern. Wie kam das?

Ich habe früher eigentlich nie Ärzte besucht. Und ich muss zugeben, ich mache das auch heute noch ungern. Nur damals konnte ich mir die Socken im Stehen nicht mehr anziehen und das machte mir Angst. Nach der Untersuchung meinte der Arzt, dass aufgrund meiner bisherigen Lebensweise bereits Organschäden eingetreten seien. Er hat mir dann wirklich furchtbare Geschichten erzählt. Also habe ich mir gedacht: Mach was!

Es war der 16. Juni 1989 als ich das erste Mal laufen gegangen bin. Oder was man mit über 100 kg so nennt, denn alle drei Minuten musste ich wieder ins Gehen wechseln.

Glauben Sie übergewichtigen Menschen, die meinen: Ich fühle mich wohl in meinem Körper?

Christian Schiester
Extremläufer, geb. 12.05.1967 Größter Erfolg: Sieg beim mehrtägigen Himalaya-Run

Nein. Weil ich weiß, wie man sich in einem dicken, unschönen, nicht funktionierenden Körper fühlt. Jeder von uns hat nur eine begrenzte Zeit auf dem Planeten. Und die kann man in einem gut funktionierenden Körper wesentlich intensiver erleben. Ich weiß ganz genau, dass der Tagesablauf ein völlig anderer ist, wenn man dick ist, weil alles langsamer und mühsamer ist. Ich glaube, dass es keine Ausreden gibt. Es ist auch nie zu spät. Ein dicker Mensch und sei er auch noch so schwer, kann immer aufstehen und sagen: Ich drehe mein Lebenskonzept jetzt um und erschaffe mir eine neue Welt.

Was antworten Sie jemandem, der meint: Für Sport habe ich leider nur wenig Zeit.

Naja. Dem sage ich ganz klipp und klar, dass das eine Ausrede ist. Ich hatte früher einen Job, der sehr zeitintensiv war. Ich bin dann eben mit der Stirnlampe noch laufen gegangen. Es ist eine Frage des Willens, der Einteilung, der Organisation und vor allem eine Frage der Strategie. Das um und auf ist es ein Ziel zu haben und auf dieses hinzuarbeiten. Und jene, die sagen, dass sie die Zeit nicht haben, haben das Ziel anscheinend nicht definiert und somit den Sinn dahinter nicht gesehen.

Woher kommt der viel zitierte Satz von Ihnen „Quäle deinen Körper, sonst quält er dich?“

Ich glaube, dass es eine gute Variante ist, die genannte Qual künstlich herbeizuführen. Niemand läuft genussvoll einen Marathon durch die Wüste. Wobei ich dabei auch nicht der Maßstab bin, ich habe mich ja jahrelang darauf vorbereitet. Aber es geht darum, die Komfortzone, die sich jeder aufbaut und glaubt, er ist zufrieden, zu verlassen. Ein Teil der Komfortzone sollte sicherlich auch etwas sein, das nicht so gemütlich ist. Und dann wird es erst wirklicher Komfort, wenn man müde ist und sich etwas verdient hat. Eine gute Brettljause zum Beispiel.

Bei mir ist es so: Ich starte diese Rennen, gehe bis an meine äußerten Grenzen und wenn ich es überstanden habe, dann ist diese Qual zu Ende. Wenn ich mich stattdessen der Gemütlichkeit hingebe, rauche, trinke und esse, fängt der Körper irgendwann mit der Qual von sich aus an. Und dann kann ich nicht mehr entscheiden wann sie anfängt und wann sie aufhört.

Muss es also ein bisschen weh tun, damit es wirkt?

Nein. Es ist wichtig vorher zu entscheiden, welches Ziel man hat und sich zu fragen: Wie kann ich meine Zufriedenheit  erreichen? Und das dann auch konsequent durchhalten. Wichtig ist nicht nur das Denken, sondern vor allem das Tun. In allen Bereichen des Lebens. Der größte Fehler ist es, sein Ding nicht zu machen. Denn dann weiß man nicht, ob es richtig oder falsch war. Besser machen und falsch machen als gar nicht.