Univ. Prof. Dr. Stefan Nehrer
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Orthopädie

„Kinder gerade wachsen lassen"

Heute umfasst die Orthopädie sowohl Behandlungen von Neugeborenen (Hüftgelenkscreening) bis hin zu Wachstums- und Entwicklungsstörungen Heranwachsender, die in der Kinderorthopädie betreut werden. Weitere Spezialdisziplinen sind die Tumor- oder auch die Rheumaorthopädie. 

Die Hauptproblematik liegt aber im Bereich des Schmerzes. So sind die häufigsten chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates einerseits in der Abnützung der Gelenke (Arthrose) und andererseits in Systemerkrankungen des Knochens (z.B. Osteoporose) oder in entzündlichen Systemerkrankungen sichtbar (rheumatische Beschwerden).

Eines der häufigsten Symptome unserer modernen Gesellschaft ist der Rückenschmerz. Ungefähr 80 Prozent der Menschen in unserer Gesellschaft sind mindestens einmal im Leben mit länger andauernden Rückenbeschwerden konfrontiert. Dies ist oft eine Folge von hauptsächlich sitzenden Tätigkeiten und zu wenig Bewegung, die sich vom Kindesalter bis in das Berufsleben hineinziehen. Hinzu kommen - mit zunehmenden Alter – die Abnützung der Gelenke sowie die Einschränkung der Mobilität und der generellen Belastbarkeit.

Knochen und Gelenke gut behandeln

Das größte Anliegen der Orthopädie ist entsprechend vorzusorgen und schon im Kindesalter mit passenden Hygienemaßnahmen am Bewegungsapparat und mit Bewegungsprogrammen an Schulen und Kindergärten zu beginnen, um eine grundlegende Kenntnis des Bewegungsapparates zu vermitteln. Der häufigste Faktor für Gelenksabnützungen und Arthrosen ist das Übergewicht. Ist dies der Fall, trägt eine Gewichtsreduktion aus medizinischer Sicht gezielt zur Linderung der Beschwerden bei. Somit spielt neben ausreichender Bewegung auch eine gesunde Ernährung eine bedeutende Rolle.

Erhalt des Gelenks versus Gelenkersatz

Die Hüft- und Knieendoprothetik sind als Gelenkersatz eine weltweite Erfolgsstory. Vor allem der Einsatz von Hüftprothesen führt langjährig zu guten Ergebnissen. Prothesen in anderen Gelenken wie in der Schulter und im Sprunggelenk haben sich ebenfalls bereits etabliert. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind moderne Verfahren zum Gelenkserhalt. Vor allem Menschen im mittleren Lebensalter mit Gelenksveränderungen, kann durch sogenannte gelenkerhaltende Maßnahmen sowohl konservativ als auch operativ der Erhalt des natürlichen Gelenkes gewährleistet werden.

Hier kommen moderne Verfahren wie z.B. die Wiederherstellung des Knorpels mit Knorpelzelltransplantation zum Einsatz. Aber auch Bandscheibenoperationen bis hin zum kompletten Bandscheibenersatz und partielle oder totale Fusionen von Wirbelkörpern können degenerative Veränderungen der Wirbelsäule erfolgreich behandeln.

Ganzheitliche Betrachtung

Die Orthopädie sieht sich vor allem in der Pflicht, das gesamte Spektrum an Erkrankungen des Bewegungsapparates zu betrachten. Der kontinuierliche Ansatz von der Prävention zur konservativen Therapie über Gelenkerhalt und Gelenkersatz mit Endoprothesen bis hin zu Rehabilitation und Sekundär bzw. Tertiärprävention spannt den Bogen über die gesamten Erkrankungen des Bewegungsapparates. Nur in dieser Konstellation wird verhindert, dass sowohl zu viel als auch zu wenig operiert wird und ermöglicht, dass der Patient zur richtigen Zeit eine adäquate Therapie erhält.