Wie wird man Flugrettungsarzt?

Es braucht vor allem ausreichend Erfahrung als Notarzt im bodengebundenen Rettungswesen, da die Einsatzstruktur beim Hubschrauber deutlich höherwertig ist: Der Hubschrauber wird besonders dann gerufen, wenn intensivpflichtige oder sehr aufwendige bzw. lebensbedrohliche Einsätze anliegen.

Wegen seiner Schnelligkeit ist der Rettungshubschrauber teilweise das einzige Einsatzmittel vor Ort – genau deshalb muss der Notarzt eine gewisse Erfahrung und Ruhe mitbringen, um mit diesen psychischen und physischen Belastungen zurechtzukommen.

Wie sieht der Alltag eines Flugarztes aus?

Normalerweise hat man Dienst von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und ist in diesem Zeitraum einsatzbereit am Hubschrauberstützpunkt. Dieser lag bis vor kurzem in Wien Aspern. Seit Anfang April befindet er sich in der Baumgasse im 3. Bezirk auf dem Dach der neuen ÖAMTC-Zentrale.

Dort sind wir in Einsatzbereitschaft und ständig über Pager und Handys erreichbar. Hat die Leitstelle einen Einsatz für uns, wo ein rascher und schonender Transport benötigt wird, ertönt bei uns ein Alarm, wir begeben uns zum Hubschrauber und fliegen zum Einsatzort.

Was passiert, wenn unerwartet die Kapazitätsgrenze des Hubschraubers erreicht wird?

Prinzipiell verschafft sich das erste Rettungsmittel am Notfallort – das können auch Polizei oder Feuerwehr sein – einen Überblick und gibt dann eine Lagemeldung an die Einsatzleitzentrale ab, meldet evtl. den Bedarf weiterer Einsatzmittel. Grundlegend entscheidet zwar die Leitstelle über den Einsatz und die Wahl der Rettungsmittel, sie wird aber Empfehlungen von professionellen Helfern von Ort gern übernehmen.

Gibt es eigentlich einen einzigen Hubschrauber in Wien?

Ja, Christophorus 9 vom ÖAMTC, der seit 2001 im Einsatz ist. Zuvor gab es schon Martin 3, einen Hubschrauber vom Innenministerium. Man hat die Hubschrauberstützpunkte derart auf Österreichs Landkarte verteilt, dass innerhalb von 15 Minuten ein Hubschrauber eintreffen kann. Um dies zu gewährleisten braucht es beispielsweise in Tirol mit engen Tälern deutlich mehr Hubschrauber als in Wien.

Christophorus 9 ist zuständig für das gesamte Stadtgebiet von Wien, das nördliche und nordöstliche Niederösterreich sowie das nördliche Burgenland. Das Einzugsgebiet reicht im Norden bis Laa an der Thaya, im Osten bis an die ungarische Grenze, im Süden bis zu einer horizontalen Linie in der Höhe von Mödling und im Westen in etwa bis Höhe Tulln. Dort beginnt dann das Einsatzgebiet von Christophorus 2 aus Krems.

Unterscheidet sich die Ausstattung eines Rettungshubschraubers von der eines Notarztwagens?

Ein klein wenig schon, weil im Hubschrauber nur sehr wenig Platz vorhanden ist. Aber die gerätetechnische Ausstattung gleicht der einer kleinen Intensivstation. Wir können einen Patienten narkotisieren, ihn auch kontrolliert beatmen und falls erforderlich sogar kleine chirurgische Notfalleingriffe durchführen. Mit sehr leistungsfähigen Monitoren kann bei Herzrhythmusstörungen defibrilliert werden oder einem Patienten falls erforderlich sogar ein Herzschrittmacher angelegt werden.

Stellen Sie bereits an Bord Diagnosen?

Ja natürlich, Verdachtsdiagnosen. Wenn ein Patient einen Kreislaufstillstand erleidet, dann sind wir Notfallärzte geradezu prädestiniert, die Rettung durchzuführen und den Kreislauf wiederherzustellen und falls erforderlich den Patienten auch unter laufender Wiederbelebung ins Krankenhaus zu bringen.

Welche Krankenhäuser werden angesteuert?

Da der Hubschrauber sehr schnell fliegen kann und in der Luft vergleichsweise wenig Verkehr herrscht, hat man den Vorteil, nicht das nächstgelegene Krankenhaus anfliegen zu müssen, sondern das am besten geeignete. Daher werden wir gar nicht selten von bodengebundenen Rettungsärzten auch nachgefordert, die die Erstversorgung der Patienten übernommen haben und sie anschließend in die entsprechende Spezialklinik befördern lassen können.

Kommt ein Rettungshubschrauber mit dem Flugverkehr in Berührung?

Gerade in Wien ist das oft ein gar nicht so kleines Problem, weil sich südöstlich von Wien in Schwechat Österreichs größter Flughafen befindet. Wir melden uns also zu Beginn eines Flugeinsatzes immer am Tower und werden gefragt: „Do you need priority?“ Beantworten wir diese Frage mit „Yes!“, bringt das natürlich Unruhe in die Flugpläne in Schwechat. Wir müssen also noch genauer, verantwortungsvoller und umsichtiger mit unserer Einschätzung der Notlagen sein, denn prinzipiell haben wir immer Vorrang.

Welches sind die häufigsten Notfälle, die per Rettungshubschrauber behandelt werden?

Interessanterweise sind Verkehrs- und Arbeitsunfälle erst an vierter Stelle und am häufigsten treten mit 40 Prozent internistische Notfälle auf, also Herzinfarkte, Herzschwäche oder PatientInnen mit schweren Atemstörungen. An nächster Stelle folgen die neurologischen Fälle – Hirnblutungen und Schlaganfälle.

Warum muss es bei Herzattacken und Schlaganfällen so schnell gehen?

Herzrhythmusstörungen können zum Kreislaufstillstand führen und sind somit prinzipiell bedrohlich, weswegen in der Tat sehr schnell gehandelt werden muss. Ist ein Herzinfarkt diagnostiziert, ist klar, dass ein Teil des Herzens nicht ausreichend durchblutet wird.

Und je früher dieser Patient in eine Spezialklinik kommt, wo man diese Herzgefäße wieder öffnen und die Durchblutung des Herzens wieder sicherstellen kann, desto weniger Herzmuskelzellen gehen zugrunde und umso gesünder kann der Patient das Krankenhaus wieder verlassen.

Gleiches gilt im Rahmen eines Schlaganfalles, bei dem ein Teil des Gehirns nicht ausreichend mit Blut versorgt wird. Durch eine rasche Versorgung verhindern wir schwere Organschäden und somit zeichnet sich auch ein enormer volkswirtschaftlicher Vorteil ab.