Sie haben als erste Frau alle 8000er ohne Sauerstoff bestiegen. Weshalb ist das „ohne Sauerstoff“ dabei so wichtig?

Mir war von Anfang an klar, dass ich bei meinen Expeditionen ohne Hilfe von Flaschensauerstoff unterwegs sein möchte. Wenn ich mir etwas vornehme, dann möchte ich das wirklich aus eigener Kraft schaffen. Wenn ich auf 8000 Meter mit Flaschensauerstoff unterwegs bin, atme ich Luft wie auf 6000 Meter. Da kann ich gleich auf einen Sechstausender gehen. Die Besteigung eines Berges mit Hilfe von Flaschensauerstoff empfinde ich wie die Teilnahme an der Tour de France mit einem Elektro-Fahrrad. Für mich ist das eine Stilfrage.

 

Was sind die besonderen Bedingungen beim Atmen auf 8000 Metern Seehöhe?

Bereits auf 2500 Metern ist der Sauerstoffpartialdruck deutlich geringer als auf Meereshöhe, das macht sich bei Nicht-Bergsteigern schon bemerkbar. Man atmet bereits tiefer und öfter. Je höher es dann hinauf geht, umso oberflächlicher und anstrengender wird die Atmung, umso schneller bleibt uns im wahrsten Sinne des Wortes die Luft weg.

 

Wie fühlt sich Atmen in sehr großer Höhe an?

Durch den geringen Sauerstoffgehalt steigt die Atemfrequenz stark an, man ist ständig außer Atem. Ab etwa 7000 Metern Seehöhe ist es auch für mich letztendlich nur noch anstrengend und doppelt wichtig, bewusst tief einzuatmen. Durch das schnelle Atmen trocknet der Mund komplett aus und die sehr kalte Luft brennt bei jedem Atemzug in der Lunge. Am Everest war ich mit Herz und Lunge am Anschlag, viel höher wäre nicht mehr gegangen.

 

Welche Risiken gibt es, wenn man seinen Körper diesen extremen Bedingungen aussetzt?

Das größte Risiko beim Umgang mit großen Höhen ist ein zu schneller Aufstieg. Wer seinen Körper nicht langsam genug an den deutlich geringeren Sauerstoff partialdruck gewöhnt, geht lebensgefährliche Risiken ein. Akute Höhenkrankheit lässt sich leicht erkennen, die klassischen Symptome sind Kopfschmerzen, Erbrechen und Schwindel. Betroffenen bleibt meist nur der zügige Abstieg, im Idealfall bevor es zu oft tödlichen Höhenhirn- und Höhenlungenödemen kommt. Dabei handelt es sich um Flüssigkeitsansammlungen im Hirn bzw. in der Lunge. Wenn man diese Risiken beachtet und durch langsame Akklimatisation so gut es geht vermeidet, halten sich die Risiken durch den geringen Sauerstoff partialdruck in engen Grenzen.

 

„Die Besteigung eines Berges mit Hilfe von Flaschensauerstoff empfinde ich wie die Teilnahme an der Tour de France mit einem Elektro-Fahrrad.“

 

Kann man eigentlich süchtig nach zu wenig Sauerstoff werden?

Wäre mir noch nicht aufgefallen. Meiner Erfahrung nach überwiegen in stark Sauerstoff armer Luft die Nachteile bei weitem, Suchtfaktor gibt’s da beim besten Willen keinen. Was jedoch auffällt ist, dass man nach längerer Zeit in großer Höhe ein übertrieben starkes Schlafbedürfnis entwickelt, sobald man wieder auf hierzulande üblicher Seehöhe ist. Der Körper regeneriert sich in sauerstoff - reicher Luft schon deutlich leichter und effektiver als in großer Höhe.

 

Lässt sich ein geringer Sauerstoffgehalt der Atemluft durch Ausdauertraining wettmachen?

Jein. Ganz wettmachen möchte ich nicht sagen, man kann sich aber mit Ausdauertraining schon entsprechend darauf vorbereiten. Wobei man darauf achten sollte, dass extrem muskulöse Menschen in großer Höhe schneller Probleme bekommen, sprich früher höhenkrank werden. Je größer die Muskelmasse, desto höher der Sauerstoff bedarf. Die Balance im Training ist das wichtigste. Nicht viel Muskelmasse zählt, sondern große Ausdauer.